Der Badenmarathon 2007
Es wurde Zeit, dass dieser Tag kam, denn ich war echt trainingsmüde.
Am Samstag (der Tag, an dem wir uns wässern sollten, was das Zeug hielt) goß ich mir versehentlich beim Frühstück den Apfelsaft nicht ins bereitgestellte Glas, sondern in die halb volle Tasse mit dem Milchkaffee. Schon das Plätschern beim Einfüllen machte mich stutzig und dann war alles klar. "Bäh!", sagte Gregor und er hatte nur zu Recht. Zum Glück war ich nicht nervös...
Neben dem Abholen der Startunterlagen stand am Samstag noch der Bambini-Marathon über 400 m auf dem Programm, an dem Marla und Gregor teilnahmen. Gregor allerdings nur sehr widerwillig, denn ihn hatte das Warten auf den Start schon den letzten Nerv gekostet. Hinterher waren aber alle wieder fröhlich.
In der Nacht träumte ich sehr intensiv, unter anderem, dass ich zu spät zum obligatorischen Gruppenfoto komme (als gäbe es nichts Wichtigeres) und dass ich beim Warten in der Dixi-Klo-Schlange den Start verpasse. Aber zum Glück war alles nur ein Traum und außer dem bei all der Trinkerei zu ewartendem Harndrang riss mich in dieser Nacht nichts aus dem Schlaf. Um 7:00 Uhr stand ich auf und frühstückte mein Brötchen vom Vortag. Vorsichtshalber radelte ich zum Treffpunkt, sein Fahrrad kann man schließlich nicht verpassen und ich verließ das Haus auch früh genug, um auch zu Fuß rechtzeitig ankommen zu können. Es konnte kaum einer leugnen, nicht hippelig zu sein. Mit Christiane im Schlepptau ließ ich die Dixis links liegen und reihte mich in der WC-Schlange in der Europahalle ein. Christiane zu überzeugen, dass wir es tatsächlich noch vor dem Start schaffen könnten, war gar nicht so einfach aber letztendlich vertraute sie mir doch und es ging schneller als erwartet.
Dann wurde es ernst. Zugläufer Heiko mit der hünenhaften Gestalt und seinem Heliumballon konnte man eigentlich gar nicht übersehen aber es war äußerst schwierig, überhaupt erst mal an ihn ranzukommen. Es war unglaublich voll am Start und ich freute mich da schon auf die Marathonweiche, bei der angeblich zwei Drittel der zehntausend Starter ins Ziel abbiegen sollten. Doch dazwischen lagen knapp 21 km.
Heiko lief aus dem Stand heraus das Renntempo von 5'40", eher sogar einen Deut schneller und so war der Halbmarathon nach 01:58:22 absolviert. Insbesondere an den Verpflegungsstellen war es gar nicht so einfach, an den Zugläufern dran zu bleiben. Bei km 20 ließ ich daher das Getränk aus, weil mir die ganze Sache einfach zu unübersichtlich war.
Dann kam die Marathonweiche - und nichts geschah. Es wurden nicht weniger Leute um uns herum. Bei km 25 tankte ich ordentlich Apfelschorle und aß eine getrocknete Aprikose - nach dem Trinken, was unschlau war. Das Ding war leider viel süßer als die Backpflaumen im Training und bis zur nächsten Wasserstation war es noch ein gutes Stück Weg. Ab km 26 begann das Seitenstechen rechts. Ich presste meine Hand in die schmerzende Stelle und nahm ein wenig Geschwindigkeit raus. Sobald es mir besser ging, sah ich zu, dass ich den Ballon wieder einholte. So ging es ein paar Mal, bis bei km 28 die Schmerzen unerträglich wurden. Ich verringerte das Tempo aber es half nichts: ich musste gehen. Machtlos sah ich den Ballon davonziehen und ich ahnte bereits, dass ich ihn nicht wieder einholen könnte. Dennoch setzte ich mich wieder in Bewegung. Plötzlich war es total leer um mich herum, da dämmerte es mir, dass sich einfach viele auf den Zugläuferservice verlassen wollten. Bis km 32 lief ich immerhin im Alleingang einen Schnitt von 5'45", dann wurden die Beine schwer und ich langsamer. Bis km 38 gelang es mir kaum, schneller als 6'00" zu laufen, dabei versuchte ich mir stets auszurechnen, ob und mit welchem Schnitt es noch zu einer Zielzeit von unter vier Stunden reichen könnte. Aber mein Hirn war leer und selbst die Anwendung billigster Grundrechenarten hätte meiner Beinmuskulatur wertvolles Blut entzogen. Also rannte ich einfach weiter; es hatte ja ohnehin keinen Sinn. Wer bleibt schon vier Kilometer vor dem Ziel stehen, weil die Zeit unerreichbar scheint? Das Renntempo konnte ich nur kurz halten, die Oberschenkelmuskulatur brannte, die Füße taten weh, der Ballon war eh weg und obwohl ich mich bei Zeiten oberhalb der 6'00" wiederfand, überholte ich fast nur noch Läufer, viele davon, die nur noch gehen konnten. Die letzten Meter gab ich alles, schließlich sollte es ja auch aufhören. Es hörte auf bei 4:00:48.
Dieses Gefühl, festzustellen, dass man jetzt einfach stehen bleiben darf, ist wirklich unbeschreiblich gut. Ich blieb also einfach stehen und bekam eine Medaille gereicht, gefolgt von einer Rose und einer Banane und damit wankte ich erleichtert zum Getränkestand. Im Gegensatz zu meinem ersten Marathon vor drei Jahren ging es meinem Magen hervorragend und ich konnte auch noch eine zweite Banane und zwei Scheiben Hefezopf verdrücken. Ich ließ mich auf eine Bierbank bei meinen Laufkollegen plumpsen und schwor, mich nie wieder von dort wegzubewegen. Tatsächlich blieb ich noch fast eine Stunde dort, auch wenn ich bald wieder aufstand und erstaunt feststellte, dass die Schnürung meiner Schuhe, die ich zu lockern gedachte, noch mit den (eigenen) Händen erreichbar war.
Fazit: ich hab's geschafft und meine Zeit nur knapp nicht erreicht. Aber ich bilde mir ein, da ist noch Potenzial... Ich fürchte, ich werde es wieder tun ;-)